Ein Gedankenanstoß für einen anderen Blick auf unsere Erwartungen
Als Shanti bei mir einzog, hatte ich ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie unser gemeinsames Leben aussehen sollte.
Ich hatte mich unfassbar auf meinen eigenen Hund gefreut und wünschte mir einen leichten, schönen Alltag mit ihr. Dafür musste sie aus meiner damaligen Sicht vor allem eines werden: ein richtig gut erzogener Hund. Der Rückruf sollte funktionieren, sie sollte ordentlich an der Leine laufen, Hundebegegnungen problemlos meistern und draußen jederzeit ansprechbar sein. Mir war wichtig, dass sie auf mich achtet und sich auch bei Ablenkung gut an mir orientiert.
Relativ schnell musste ich feststellen, dass meine Vorstellung mit der Realität wenig zu tun hatte.
Und das hat mich unglaublich frustriert.
Ich hatte sofort das Gefühl, etwas falsch zu machen, und meine Antwort darauf war erst einmal: Dann müssen wir eben mehr trainieren. Ich muss draußen noch mehr mit ihr arbeiten, konsequenter sein, genauer hinschauen und noch stärker auf die ganzen kleinen Details achten.
Je mehr ich versuchte, meine Vorstellung zu erreichen, desto mehr Druck entstand für uns beide. Bis mir irgendwann, mit zunehmendem Wissen, ein ganz anderer Gedanke kam:
Was ich von ihr erwartete, war zu diesem Zeitpunkt schlicht utopisch. Shanti war zu diesem Zeitpunkt noch ein sehr junger Hund. Natürlich hatte sie schon viel gelernt und natürlich konnten wir weiter gemeinsam üben. Trotzdem fehlten ihr allein aufgrund ihres Alters noch Erfahrungen und Fähigkeiten, die ich in meinen Erwartungen längst vorausgesetzt hatte.
Sie konnte viele dieser Dinge noch gar nicht leisten. Und vor allem musste sie das auch noch gar nicht können.
Im Grunde hatte ich von einer Erstklässlerin erwartet, dass sie ihr Abitur schreibt, und war anschließend frustriert darüber, dass sie daran scheitert.
Mit dieser Erkenntnis fiel unglaublich viel Druck ab. Von mir selbst, aber auch von Shanti.
Was wir ganz selbstverständlich von unseren Hunden erwarten
Und sie hat mir etwas gezeigt, das mir heute im Training immer wieder begegnet: Wir haben ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie ein Hund in unserem Alltag sein sollte, und merken dabei oft gar nicht, wie viel wir eigentlich von ihm verlangen.
Wenn man einmal sammelt, was ein Hund in unserer Menschenwelt ganz selbstverständlich können soll, kommt einiges zusammen. Er soll an lockerer Leine laufen, zuverlässig zurückkommen, warten können, alleine bleiben, Wild ignorieren, Frust aushalten, sich zurücknehmen, auch bei Ablenkung ansprechbar bleiben und möglichst niemanden stören.
Andere Hunde soll er kommentarlos passieren, wenn wir gerade keinen Kontakt möchten. Darf Kontakt stattfinden, wünschen wir uns aber einen Hund, der immer freundlich und sozial mit seinem Gegenüber umgeht. Fremde Menschen soll er auf keinen Fall anspringen oder belästigen, gleichzeitig aber möglichst freundlich und aufgeschlossen auf sie reagieren. Bellen soll er am besten nie, schließlich könnte sich jemand daran stören.
Wenn man all das einmal gesammelt betrachtet, erwarten wir eine enorme Anpassungsleistung an unsere Menschenwelt und nehmen viele dieser Dinge gleichzeitig kaum noch als Leistung wahr.
Dabei passt manches von dem, was wir uns wünschen, überhaupt nicht zu dem, was für einen Hund erst einmal naheliegend wäre. Hunde bellen nun einmal, das ist Teil der Kommunikation. Sie interessieren sich für Gerüche, andere Tiere und ihre Umwelt. Sie bewegen sich nicht automatisch in unserem gewünschten Tempo von A nach B und finden es auch nicht zwangsläufig sinnvoll, minutenlang ruhig irgendwo zu warten, obwohl um sie herum das Leben stattfindet.
Passt meine Erwartung zu meinem Hund?
Natürlich brauchen wir Regeln für unser gemeinsames Leben und es gibt Verhaltensweisen, an denen wir arbeiten möchten oder müssen. Trotzdem finde ich es spannend, sich zwischendurch zu fragen:
Ist das Verhalten meines Hundes gerade tatsächlich problematisch? Oder passt es vor allem nicht zu meiner menschlichen Vorstellung davon, wie ein Hund sich verhalten sollte?
Und selbst wenn wir zu dem Schluss kommen, dass wir etwas verändern möchten, bleibt eine weitere Frage:
Passt das, was ich gerade von meinem Hund erwarte, überhaupt zu dem Hund, der vor mir steht?
Denn Hunde bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit. Alter, bisherige Erfahrungen, Veranlagung und Trainingsstand spielen dabei eine Rolle. Genauso kann die Umgebung darüber entscheiden, was ein Hund in einem bestimmten Moment leisten kann.
Was für den einen Hund eine kleine Aufgabe ist, kann für einen anderen eine riesige Herausforderung sein. Was ein Hund heute noch nicht leisten kann, kann er vielleicht irgendwann lernen. Es gibt aber genauso Dinge, die für diesen Hund dauerhaft schwierig bleiben werden oder schlicht nicht zu ihm passen.
Genau deshalb lohnt es sich, unsere Erwartungen immer wieder an dem individuellen Hund auszurichten, mit dem wir tatsächlich zusammenleben.
Was erwarten wir eigentlich von uns selbst?
Und vielleicht lohnt es sich an dieser Stelle, den Blick noch einmal umzudrehen. Denn wir haben nicht nur Erwartungen an unsere Hunde. Wir haben häufig genauso hohe Erwartungen an uns selbst.
Schließlich möchten wir es richtig machen und unserem Hund ein möglichst gutes Leben bieten.
Wir haben im Kopf, dass ein Hund Kontakt zu Artgenossen braucht. Dass er ausreichend Bewegung bekommen und lange Spaziergänge machen sollte. Dass wir ihm Abwechslung bieten, unterschiedliche Strecken laufen, neue Eindrücke ermöglichen und ihn ausreichend beschäftigen müssen.
All das ist gut gemeint. Die spannende Frage ist nur: Ist es auch das, was der eigene Hund braucht und was ihm guttut?
Vielleicht genießt ein Hund Kontakte zu Artgenossen und freut sich über gemeinsame Zeit mit anderen Hunden. Ein anderer empfindet fremde Hunde als belastend, braucht deutlich mehr Abstand und wäre froh, wenn wir ihm Kontakte gar nicht erst zumuten.
Vielleicht liebt ein Hund neue Wege und findet es großartig, immer wieder etwas anderes zu entdecken. Ein anderer entspannt auf seiner bekannten Runde viel besser und braucht diese Verlässlichkeit.
Und auch ein guter Spaziergang muss nicht zwangsläufig bedeuten, möglichst viel Strecke zurückzulegen. Für manchen Hund kann eine Stunde, in der er nur wenige hundert Meter läuft und dafür ausgiebig schnüffelt, viel passender sein als eine lange Runde mit möglichst vielen Kilometern und neuen Eindrücken.
Vielleicht geht es deshalb viel weniger darum, einem allgemeinen Ideal von guter Hundehaltung gerecht zu werden, und viel mehr darum, seinen eigenen Hund immer besser kennenzulernen.
Wäre nicht die ideale Hundehaltung die, die sich genau an die Bedürfnisse und Möglichkeiten des individuellen Hundes ausrichtet?
Was kann er leisten? Was braucht er? Was tut ihm gut? Wo braucht er Unterstützung? Und an welcher Stelle wäre vielleicht die eigene Erwartung die sinnvollere Stellschraube?
Unsere Erwartungen müssen nicht verschwinden. Wir dürfen Wünsche haben, Ziele verfolgen und sollten unseren Hunden Dinge beibringen, die unseren gemeinsamen Alltag leichter machen.
Aber wir dürfen unsere Erwartungen immer wieder mit dem Hund abgleichen, den wir tatsächlich vor uns haben.
Dann werden sie fairer.
Und manchmal verändert genau das viel mehr, als wir zunächst denken.